Wieder Wien

Wir sind wieder da. Nach 14 Monaten Leben auf der Straße haben wir seit einer Woche wieder ein Zuhause. Was vor langer Zeit mit der albernen Idee begonnen hat, sich aufs Fahrrad zu setzen und nach China zu fahren hat geendet als Radfahrt, einmal um die Welt.

Ganz genau waren es:

421 Tage
25.835 Kilometer
1577 Stunden Nettofahrzeit
19 Länder

Was jetzt kommt, ist vielleicht der härteste Teil der ganzen Sache. Der Wiedereinstieg ins „normale Leben“ des Durchschnitts-Österreichers. Langsam tasten wir uns heran an ein Dasein mit Kühlschrank und Dusche. Schwieriger als das, ist da schon die Anpassung an die österreichische Mentalität. Aber das ist uns jetzt mal alles wurst. Was wir in den letzten 14 Monaten an Menschlichkeit gesehen und erfahren haben kann uns niemand mehr nehmen.

Film, Buch, Vortrag, Funk und Fernsehen sind vorläufig noch nicht im Entstehen (aber auch nicht ganz ausgeschlossen). Und auch mit dem Blog war’s das mal fürs erste. Dafür zum Abschluss unsser kleines BEST OF der 100 schönsten Fotos aus 14 Monaten Reise!

Danke an alle, die mitgelesen und -gefiebert haben. Danke fürs Daumen drücken und anspornen.

Auf Wiedersehen auf den Straßen Wiens.


24. Juli – Save the date! Wir trinken uns nach Hause!

smokers1Wenn nicht noch irgendwas grobes dazwischen kommt, ist unsere finale Etappe nach Hause Tulln-Wien/Leopoldstadt. Keine allzu große Sache. Anders gesagt: Wir laden euch alle, die ihr das lest, ein, die letzten Kilometer mit uns zu fahren.

Treffpunkt ist Samstag, 24. Juli 2010, 12.00 Mittag am Tullner Donauufer.
Dann geht’s in lockerem Plaudertempo die ca. 45 km nach Hause.

Die Alternative: den mühsamen Part im Sportdress auslassen und direkt zu uns stoßen in der
Bunkerei im Augarten, ebenfalls Samstag, 24. Juli 2010, ab 16.00

Eingeladen sind alle die Lust haben, die eine oder andere Anekdote taufrisch zu hören oder uns einfach auf ein Bier einladen wollen.

Noch mal zum Mitschreiben:
Samstag, 24. Juli 2010, 12.00
Treffpunkt: Tulln Donaupark (gleich östlich der Donaubrücke, Südufer)

Nach Tulln fährt der ÖBB Regionalexpress (REX 7112 ) ab
Franz Josefs Bahnhof, 10:51 / Spittelau, 10:53 / Heiligenstadt, 10:56 (Fahrzeit ca. 30 min)

UND/ODER:
Samstag, 24. Juli 2010, ab 16.00
Bunkerei im Augarten,
Obere Augartenstraße 1a
1020 Wien

Und ja wir fahren auch bei schlechtem Wetter.

Utopia Utrecht

Vom Flughafen Amsterdam geht’s nicht nach Amsterdam, sondern gleich Richtung Süden nach Utrecht – wo wir einen Tag bleiben, um den Jetlag auszuschlafen. Utrecht zeigt, was man in Sachen Stadtplanung alles richtig machen kann und was im Rest der Welt alles falsch gemacht wird.

Die Stadt hat über 200.000 Einwohner und ist trotzdem praktisch autofrei. Vom Flughafen weg gibt es einen 50km lang durchgehenden Radweg. In Utrecht selbst sind große Teile des Stadtzentrums für den motorisierten Verkehr gesperrt. Alle – und zwar wirklich alle – anderen Straßen darum herum teilen den Platz zu jeweils ein Drittel für Fußgänger, ein Drittel für Radfahrer und ein Drittel für Autos und Busse.
Das Resultat ist unübersehbar: Das Hauptverkehrsmittel Nr. 1 ist mit Abstand das Fahrrad. In vielen Teilen der Stadt sieht man weder abgestellte noch fahrende Auto. Dafür rollt alles geräuschlos und umweltschonend am Rad durch die Stadt.

Für Niederländer Alltag, für Österreicher schlichtweg unglaublich: Die ganze Stadt, ob jung oder alt, Student oder Anzugträger, einfach jeder fährt Rad.


Good bye USA!

Wir sitzen im Flugzeug. Das war New York, das waren die USA. Eine kurze Bilanz. Als wir vor einem Jahr losgefahren sind, waren die USA ja nicht geplant. Aber da halt in Südostasien die Reiselust noch nicht weg und auch das Geld nicht aus war, haben wir beschlossen, einfach auf der anderen Seite der Welt wieder nach Hause zu fahren. Ja, so war das.
Trotzdem sind uns die USA jetzt wieder ans Herz gewachsen. Trotz der unübersehbaren strukturellen und sozialen Schwierigkeiten, die USA sind einfach ein großartiges Land. Wie immer und überall sind es in erster Linie mal die Menschen, die das Land ausmachen. Nirgendwo sind wir so vielen herzlichen, offenen und optimistischen Menschen begegnet. Von allen Klischees über die USA stimmt am meisten jenes vom stets ungebrochenen Glauben an die eigene Stärke.

Sonstige Klischees und ihr Wahrheitsgehalt

Die Amerikaner fahren abartige Benzinfresser. Stimmt!

Klimaanlagen sind immer maximal aufgedreht. Stimmt!

Die Amerikaner sind Waffennarren. Stimmt nicht. Uns hat nie jemand eine Waffe vor die Nase gehalten.

Alle sind übergewichtig. Nicht alle, aber man sieht schon viele, die dann auch gleich extrem übergewichtig sind.

Die Amerikaner sind religiöse Fanatiker. Die Zahl der Kirchen ist zwar sehr hoch. Aber nicht mal die Mormonen in Utah haben versucht, uns zu missionieren.

Die Amerikaner sind misstrauisch und sehen in jedem einen potentiellen Terroristen. Stimmt nicht. Es gibt kaum Gartenzäune. Am Land ist es üblich, die Haustüre nicht abzusperren!

Hier noch diel letzten Bilder aus New York


From L.A. to New York (letztes Kapitel)

Geschafft! Nach mittlerweile 400 Tagen (Stand 3. Juli 2010) Leben auf der Straße sind wir in New York. Der Tacho zeigt insgesamt 24.220km. Davon gut 5800km in den letzten 65 Tagen. Wer den Blog schon länger liest, weiß, das war ziemlich viel radfahren in ziemlich wenig Zeit. Durchschnittlich 90km/Tag inklusive gerade einmal 4 Pausetagen.
Dementsprechend müde waren wir auf den letzten Kilometern. In den Beinen und im Kopf. Am Ende hat die Motivation aber doch gehalten. Und jetzt sind wir ja da, in New York, genießen das angenehme Wetter, hängen in Kaffeehäusern und Museen herum und verprassen das letzte Geld aus der Reisekasse.


You are Welcome!

„You are Welcome“ heißt in den USA in erster Linie mal so viel wie „gern geschehen!“ Aber, und das ist wohl der größte Unterschied zwischen Europa und den USA: Es gilt auch im wahren Sinn des Wortes.Wir sind einfach überall wohin und unter welche Menschen wir kommen, wirklich willkommen.
Zwei von vielen, vielen kleinen Geschichten:

Richmond/Michigan

Nach 130km am Rad kommen wir in den kleinen Ort, der auf der Karte so viel größer ausgeschaut hat. Kein Campingplatz, kein Motel, es wird langsam dunkel und beginnt zu regnen. In der lokalen Tankstelle sind zwar alle bemüht, blättern in den gelben Seiten und telefonieren, können aber nichts finden, was nur annähernd ein Motel oder Bed & Breakfast wäre.

Notgedrungen fahren wir lustlos weiter. Da prangt vom Dorfwirtshaus ein Schild, das sagt, hier ist ein Hotel. Also rein und nachgefragt: das Hotel gibt es schon seit 30 Jahren nicht mehr, das Schild ist immer noch da. Und da in der Bar ist auch noch das halbe Dorf zu einer Geburtstagsfeier. In Österreich würde man nun mit dem Hinweis „geschlossene Veranstaltung“ weggeschickt. In Richmond/Michigan ist genug für alle da. Nach vier Stück Pizza, fünf Bier (keine Angst, ein Bud light kommt in kleinen Flaschen und ist kein Bockbier) und ein bisschen plaudern, bietet uns so ziemlich jeder im Dorf einen Schlafplatz an.

Wir landen schließlich bei Debbie. Ihr ältester Sohn ist an der Uni und so können wir einfach in seinem Zimmer schlafen. Überhaupt kein Problem. Debbie muss am nächsten Tag in die Arbeit. Ach, wir sollen uns einfach solange ausschlafen, wie wir wollen uns das Frühstück aus dem Kühlschrank nehmen und dann halt die Tür ins Schloss fallen lassen.

Zwei Tage später in Chatham/Ontario

Auf der kanadischen Seite des Lake Erie ist nicht viel los. Wenig Verkehr, aber auch wenig Infrastruktur. Wir fahren auf einen Campingplatz. Ein Zeltplatz soll tatsächlich 35$ kosten. Ein ziemlich geschmalzener Preis. Das findet auch Linda, die gerade da ist und selber einen Sitz im Campingplatz-Kleingartenverein-Aufsichtsrat hat. Kurzerhand nimmt sie uns mit zu Ihrem Trailer, wo wir das Zelt einfach in den Vorgarten stellen können. Gratis. Und weil Lindas Mann Sam (und damit auch wir) beim Campingplatz-Fleisch-Bingo wieder mal besonderes Glück gehabt hat, werden wir den Rest des Abends mit einem Riesen-Barbecue und Bier und am nächsten Morgen mit Riesenfrühstück und Proviant für die nächsten drei Tage versorgt.

PS: Noch ein kleines Detail, das erst nach ein paar Tagen durch die allgegenwärtigen Suburbs der USA auffällt. Praktisch kein Vorgarten ist eingezäunt – einfach sympathisch

Illinois-Indiana-Michigan-Ontario

Die Bundesstaaten Richtung Osten ziehen an uns vorbei, dass es nur so a Freud‘ is. Vor lauter Radfahren kommen wir kaum zum Stehenbleiben. Zwischen Chicago und New York State tut sich landschaftlich nicht so viel. Dafür gibt’s entlang der Straße viel zu sehen Pick-Ups in allen Größenordnungen, Rasentraktoren in jedem Vorgarten, endlose Suburbs, gigantische Wallmarts, Kutschen fahrende Amish-People, Mega-Van fahrende Menoniten samt einem Dutzend Kindern. Und die Niagara Fälle, samt Niagara Theme-Park, Niagara-Casino, etc.
Nirgendwo waren die USA so amerikanisch wie hier. Und auch wenn das die Kanadier nicht gerne hören werden – Ontario unterscheidet sich nur marginal davon.

Nur mehr ein Katzensprung bis nach New York City.

Prost GULP!

gulpAtombomben, Botox, Post-it. Was wäre die Welt ohne die großartigen amerikanischen Erfindungen?
Eine dieser Erfindungen hat es leider noch immer nicht bis nach Europa geschafft. Obwohl er – im wahrsten Sinn des Wortes – einfach großartig ist: der Double Gulp. Ein Einweg-Plastikbecher, den man wie seine kleineren Brüder Gulp, Big Gulp und Super Big Gulp in jeder Tankstelle bekommt. Bis oben hin voll mit 64 oz Cola, Sprite, Dr. Pepper oder was die lokale Sodaindustrie halt so zu bieten hat. Ins metrische System umgerechnet sind das fast 2 Liter selbst abgezapfte Typ II Diabetes.
Und wem das nicht genug ist, der holt sich ein Slurpee: Eisgatsch so süß, dass man nachher mindestens eine Super-Size-Packung Kartoffel-Chips braucht, um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Erhältlich ist Slurpee wahlweise in den Geschmacksrichtungen grün, blau, orange oder neon-orange!
Wieder zwei gute Gründe, warum wir Amerika jeden Tag mehr lieben!

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Wien soll ein bisschen Chicago werden

Ein Blick in unser Tagebuch sagt: Seit L.A. sind 44 Tage (davon nur zwei Pausetage vergangen) In den 44 Tagen haben wir fast 4000km zurückgelegt. Dementsprechend müde und leer sind wir auf den letzten Kilometern nach Chicago. Zumal die Tage in Nebraska, Iowa und Illinois nicht gerade zu den spannendsten zählen. Umso mehr dann aber die zwei Tage in Chicago. Wir kommen bei Kelley und Steve unter. Und erledigen sogar das kleine Touristen-Programm: Museum of Contemporary Art, Millenium Park, Architektur-Stadtrundgang etc. Und als Draufgabe gewinnen dann auch noch die Chicago Blackhawks (zum ersten mal seit über 40 Jahren) den Stanley Cup, sodass die ganze Stadt Kopf steht.

Nur am Ende aus Chicago wieder raus zu kommen, gestaltet sich schwierig: Wir müssen Richtung Süden.
Was wir am Anfang für übertriebene Paranoia halten, bestätigt ausnahmslos jeder, mit dem wir sprechen: Man kann unmöglich durch die Chicagoer Southside fahren – schon gar nicht als Ausländer mit dem Fahrrad. Southside Chicago ist so ziemlich die gefährlichste Gegend der USA. Eigentlich traut sich da nicht mal mehr die Polizei hin.
Also fahren wir mit dem Zug. Und bekommen tatsächlich schon am Ticketschalter Anweisungen in welchen Stationen der Zug zwar stehen bleibt, wir aber auf keinen Fall aussteigen sollen!
Wir würden das ja auch gerne befolgen – wenn uns der Schaffner mit den Rädern überhaupt in den Zug einsteigen lassen würde. Das geht zweimal so, bis wir uns dann im dritten Zug endlich einschleichen können und die 30km durchs „Sperrgebiet“ fahren, bevor es mit dem Rad weiter geht!


18.00, Tornado, Iowa: Die Frisur sitzt

Oder: Chronologie, wie man gepflegt einen Tornado überlebt.

16.40 Wir radeln gelangweilt von der Landschaft, aber ansonsten guter Dinge durch die Felder und Weiden von Iowa.
16.45 Wir stellen fest, dass einige Wolken aufgezogen sind. Es könnte heute noch regnen. Erfreut über eine elegante Begründung, den Radtag früher zu beenden und das noch dazu komfortabel, beschließen wir, uns im nächsten Ort ein Motel zu gönnen. Nur noch 20km.
16.50 Ein Auto stoppt neben uns. Es ist Monique mit ihren Kindern, unterwegs am Heimweg vom Supermarkt. Sie meint, dass die Wolken rundherum bedrohlich nach Unwetter aussehen und wir doch besser einen Unterschlupf suchen sollten. Christoph klärt ab, dass wir ja nicht aus Zucker sind. Monique steckt ihm trotzdem für den Notfall ihre Telefonnummer zu. Dann radeln wir weiter.
17.00 Irgendwie ist es plötzlich um uns still geworden, kein einziger Vogel mehr. Viele Wolken, es wird heute definitiv regnen. Monique taucht wieder auf, diesmal bestimmter: Sie war bereits zuhause, das Fernsehen hat Tornadowarnungen für den County ausgesprochen. Monique ist (was wir jetzt noch nicht wissen) Krankenschwester und setzt jetzt auf ihren Krankenschwestern überall auf der Welt gegebenen „Schluss mit Lustig“-Tonfall. Wir folgen ihr jetzt besser! Also auf den Rädern dem Auto nach, eine Meile querfeldein zum Haus der Familie, in the middle of nowhere.
17.10 Wir werden durch das Haus geführt, Monique’s jüngster Sohn kurzerhand ins Elternbett umdirigiert, damit wir einen Platz für die Nacht haben. Währenddessen beginnt es draußen zu tröpfeln.
17.15 Ein unfassbarer Megasturm tobt. Am Fenster fliegt eine Scheibtruhe vorbei. Der Pferdeanhänger bahnt sich (ohne Auto und ohne Pferd) seinen Weg durch den Vorgarten, der Regen peitscht ans Fenster wie ein voll aufgedrehter Gartenschlauch, Hagel ergänzt die Szenerie. Monique nimmt es locker, berichtet aber, dass das Haus zur Sicherheit im Keller einen Emergency-Room mit Lebensmittel- und Wasservorräten hat.
19.00 Alles vorüber, im Fernsehen läuft schon die Folgesendung „Das war der Tornado“: Insgesamt gab es drei echte Twister, oder wie es der Reporter im Fernsehen nennt „Touch Down, we have a Touch Down!“. Einige tausend Haushalte sind ohne Strom. Bei Tracy F. ist ein Baum aufs Hausdach gestürzt, jetzt gibt sie ein Interview. Und meine Frisur sitzt.

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